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Interview mit Prof. Dr. Horst E. Friedrich dem Gründer der Tagung

Lieber Herr Prof. Friedrich,

als Sie im Jahre 2004 die Leitung des neu gegründeten DLR-Institutes für Fahrzeugkonzepte übernahmen, lag Ihnen auch sehr am Herzen, eine neue Plattform für Werkstoff- und Leichtbauthemen zu schaffen, welche den Zusammenhang zwischen Fahrzeug- und Werkstoffinnovation deutlicher in den Mittelpunkt stellt. Was hat Sie damals inspiriert, die Fachtagung für neue Fahrzeug- und Werkstoffkonzepte, die wir seit 2017 unter dem prägnanten Akronym „WerkstoffPlus Auto“ als Veranstaltung des DLR kennen, ins Leben zu rufen?

Prof. Friedrich: Ich hatte schon als Leiter der Fahrzeugforschung in der Automobilindustrie gelernt, dass Innovationen dann entstehen können, wenn Werkstoffe (deren Eigenschaften), Bauweisen (also die Konstruktion) und Verfahren (zur Herstellung und Montage) integral gedacht und bearbeitet werden. Diesem Leitsatz bin ich auch beim Aufbau des Institutes für Fahrzeugkonzepte gefolgt und natürlich wollte ich, dass die Ergebnisse, die dort entstehen, auch mit anderen diskutiert, vorgestellt und bekannt gemacht werden können. So entstand – zunächst unter anderem Namen und mit guten Partnern – diese Tagung in Stuttgart.

 

Als erfahrener Automobilmanager hatten Sie ein gutes Gespür für die damaligen Technologietrends. Leichtbau war ein sehr wichtiges Thema, die Automobilwelt stand neuen Werkstoffen und der Multi-Materialbauweise sehr offen gegenüber. Was hat sich daran aus Ihrer Sicht verändert?

Prof. Friedrich: Gar nichts, Herr Beeh! Denn Werkstoffe und Bauweisen sind eine „Königsdisziplin“ im Fahrzeugbau. Nichts, das an einem Auto realisiert wäre, ist nicht auch aus Werkstoffen gebaut. Das gilt nach wie vor! Aber ich gebe zu: seit einigen Jahren sind andere Themen in der Community auf die vordersten Plätze der automobiltechnischen Kommunikation gerutscht. Da sind die E-Mobilität mit Batterie oder Brennstoffzelle, das Roboter-Auto oder neue Mobilitätsformen wie das U-Shift des DLRs der Renner. Aber bedenken Sie: auch diese benötigen Werkstoffe und Werkstofftechniken, um realisiert zu werden. Und zwar effizient und nachhaltig! Der Gesichtspunkt einer attraktiven ökologischen Bewertung ist heute bei allen Technologien unverzichtbar für die Zukunftsfähigkeit der Produkte. 

 

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Wie bewerten Sie die heutigen technologischen Trends und die Position der deutschen Automobilindustrie? Braucht man heute noch Werkstoffinnovationen oder spielen Bauweisen und Gewicht im elektrischen und intelligenten Fahrzeug kaum noch eine Rolle?

Prof. Friedrich: Die deutsche Automobilindustrie hat hervorragende technische Fähigkeiten, vor allem versteht sie, Automobile auch in großen Serien herzustellen. Die jetzt und in kürze in den Markt platzierten E-Mobile zeigen diese Fähigkeiten und sie bringen noch zusätzliche Motivatoren für kluge Werkstofflösungen: Abgesehen von der vorgenannten ökologischen Zukunftsfähigkeit müssen diese neuen Fahrzeuge auch sicher sein und fahrdynamisch begeistern. Etliche 100 kg Batteriegewicht helfen da nicht unbedingt…. Also gilt: Massereduzierung durch Leichtbau bleibt ein Muß, Strukturen und Containments müssen crashsicher funktionieren. Eine große Reichweite erreicht man nicht durch Rekuperation sondern durch hohe Energiedichte der Batterie, gute Wirkungsgrade und klugen Leichtbau.

 

Sie haben mit „Ihrer“ Fachtagung „WerkstoffPlus Auto“ eine der qualitativ hochwertigsten Fachveranstaltungen für Entscheider der Fahrzeugstrukturentwicklung geschaffen. Nennen sie uns doch einige Ihrer persönlichen Highlights aus zehn vergangenen Tagungen.

Prof. Friedrich: Ausgewiesene Highlights sind natürlich die Vorträge und Präsentationen der Referenten und Aussteller. Da gibt es wahnsinnig viele! Ich nenne stellvertretend nur mal Dr. O. Schauerte von der Volkswagen-Forschung, der in mehreren Tagungen die Rolle von KI und neuen Entwicklungsmethoden für die    Materialforschung herausgehoben hat. Und dann die Dinner Speeches am Abend des 1. Vortragstages.Auch hier nur als Beispiel Prof. Thomas Weber, seinerzeit Vorstand bei Daimler mit seinem Beitrag von vor ca. 3 Jahren. Ein Highlight war für mich immer auch die gute Atmosphäre in der Alten Reithalle. Da ist der Dialog von Hochschule und Forschung mit Industrie und Anwendung immer und mit vielen sehr persönlichen Bereicherungen gelungen.

 

Manchmal ist die Zeit noch nicht reif für bestimmte Innovationen. Welchen Technologien hätten Sie in dieser Zeit persönlich mehr Erfolg gewünscht.

Prof. Friedrich: Ich dachte und glaube immer noch, dass die Magnesium-Legierungen auch in strukturellen Anwendungen breiter Platz greifen könnten. Technische und wirtschaftliche Lösungen dafür existieren, aber sie sind nicht weitgehend bekannt genug. Viel erwarte ich auch noch von funktionsintegrierten Bauweisen, aber auch von Verbünden mit Holz. Aber das kann noch kommen!

 

Sie sind im vergangenen  Herbst in den wohlverdienten Ruhestand gegangen und geben die Leitung der Tagung nun in die Hände Ihres Nachfolgers. Was wünschen Sie der Veranstaltung für die Zukunft?

Prof. Friedrich: Erfolg! Das sollte bedeuten: Beibehalten des hohen Niveaus von Wissensvermittlung und kritischer Diskussion, und das partnerschaftlich mit der Industrie in fruchtvoller Atmosphäre. Und natürlich vor allem: dass die Tagung in einer Welt ohne Corona auch wieder persönlich präsent sein kann!

 

Herr Prof. Friedrich, vielen Dank für die wertvollen Impulse.

 

Das Interview führte Herr Dr.-Ing. Elmar Beeh vom DLR-Institut für Fahrzeugkonzepte

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